In einer feierlichen und bewegenden Zeremonie hat die Stadt Münstereifel am 28. September 2026 sechs Stolpersteine für ehemalige Bürgerinnen und Bürger der Stadt verlegt. Die Gedenksteine erinnern an Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes und wurden in der Werther Straße und der Heisterbacher Straße eingelassen. Der Verlegung wohnten zahlreiche Bürgerinnen und Bürger, Mitglieder des Stadtrats und der Stadtverwaltung sowie Familienangehörige, die sogar aus den USA und Irland angereist waren, bei.
Bürgermeister Sebastian Glatzel eröffnete die Veranstaltung mit einer emotionalen Ansprache, in der er die Bedeutung der Stolpersteine für die Erinnerungskultur der Stadt hervorhob. „Wir können die Vergangenheit nicht ändern – aber die Zukunft liegt in unserer Verantwortung“, betonte er. 36 Stolpersteine wurden bislang in der Stadt verlegt. Etliche wurden durch die Flutkatastrophe im Juli 2021 weggespült. 2022 wurden sie wiederverlegt – darunter die Stolpersteine für Amalie Nathan und Gudula Martini in der Werther 36 und der Werther Straße 69. Aufgrund der Wiederaufbauarbeiten in der Stadt hatten die Gedenksteine für die beiden Schwestern erneut entfernt werden müssen. Beide Frauen wurden 1943 aus Köln ins Ghetto Theresienstadt deportiert; Amalie Nathan starb dort im August desselben Jahres, Gudula Martini in Minsk ermordet. Ihr Todesdatum ist unbekannt.
Nach der Flut hieß es laut Glatzel oft: „So muss es nach dem Krieg ausgesehen haben.“ Dies sei eine Naturkatastrophe gewesen. Dass Menschen anderen Menschen hingegen bewusst und mutwillig solches Leid zufügen, sei für ihn unbegreiflich, so der Bürgermeister. Während der Verlegung der Stolpersteine las Stadtarchivarin Anna Rosemann zwei Gedichte, verfasst von Gerty Spies, die ebenfalls ins Ghetto Theresienstadt deportiert wurde.
Neue Stolpersteine in der Heisterbacher Straße
Ein besonderer Fokus lag auf der Verlegung von vier Stolpersteinen vor dem Haus in der Heisterbacher Straße 3 für Ferdinand Müller, Franziska Müller, Christa Meyer und Karl Müller. Michael Meyer, Enkel von Ferdinand und Franziska Müller, hielt eine bewegende Rede, in der er die Geschichte seiner Familie erzählte: Ferdinand, Mitinhaber der Schreinerei Müller & Krösinger, SPD-Mitglied und Katholik, widersetzte sich dem Druck, sich von seiner jüdischen Ehefrau Franziska zu trennen. Gemeinsam mit ihren Kindern Christa und Karl überlebten sie die NS-Zeit – allerdings unter schweren Entbehrungen. Franziska und Christa wurden 1944 in das Lager Köln-Müngersdorf deportiert, konnten aber fliehen. Sie fanden bis Kriegsende im Saarland Unterschlupf, während Ferdinand und Karl zur Zwangsarbeit an die Westfront verschleppt wurden. 1957 wanderte Karl mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten aus.
„Für uns sind diese Steine etwas sehr Persönliches – sie erinnern an Menschen unserer Familie und an das gemeinsame jüdische und katholische Leben in diesem Haus“, sagte Meyer. Vor dem Haus liegt bereits ein Stolperstein für Theodor Jülich, den Urgroßvater der Familie, der 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde. Meyer betonte, dass die Geschichte seiner Familie kein Einzelfall sei: „Jüdisches und katholisches Leben in Münstereifel fand nicht in getrennten Welten statt – Menschen lebten, arbeiteten und feierten miteinander.“
Erstmals Gedenksteine für nicht-jüdische Opfergruppen
Bürgermeister Glatzel betonte in seiner Schlussansprache, dass die Verlegung der Stolpersteine ein Novum in Münstereifel darstellt: „Erstmals werden in unserer Stadt Steine in das Pflaster eingelassen, die nicht ermordeten Opfern jüdischer Herkunft gewidmet sind.“ Im März 2026 hatte der Rat der Stadt Bad Münstereifel beschlossen, dass künftig auch Stolpersteine für Verfolgte des Nationalsozialismus‘ verlegt werden, die nicht ermordet wurden und nicht jüdischer Herkunft sind. „Die Stolpersteine sind nicht nur ein Beitrag zur Erinnerungskultur, sondern auch zur Mahnung“, so Glatzel. „Ich halte die Stolpersteine für eine sehr geeignete Form des Erinnerns“, ergänzte er mit Blick auf die Stadt Heidenau, wo vor Kurzem beschlossen wurde, keine weiteren Stolpersteine zu verlegen: „Bad Münstereifel hat sich bewusst dafür entschieden, ihre Namen dort sichtbar zu machen, wo diese Menschen gelebt haben.“
Der Bürgermeister dankte der Familie Müller, die aus Irland und den USA angereist war, sowie der Stadtarchivarin Anna Rosemann und dem kürzlich verstorbenen Stadthistoriker Harald Bongart für ihr Engagement zur Bewahrung der Erinnerung an das jüdische Leben in Münstereifel. Außerdem dankte er Jürgen Linden und Michael Hanf vom Bauhof, die die Verlegung der Steine vornahmen.