Die wohlhabende Stadt an der oberen Erft befand sich damals in einem gewaltigen Umbruch. Rund 300 Jahre lang war die Stadt ein Fernhandelsort gewesen. Noch zu Beginn der 1560er Jahre war der Andrang der Händler zu den vier Messen so stark gewesen, dass einige Händler wegen des Platzmangels auf der Marktstraße ihre Stände widerrechtlich auf dem Friedhof neben der Stiftskirche – zwischen den Gräbern der Verstorbenen! – aufgebaut hatten. Daraufhin hatten die Stiftsherren und der Rat einen Vertrag abgeschlossen, der es der Stadt erlaubte, an den Fernhandelsmessen auch Kaufmannsstände auf dem Freihof neben dem Pörzeling zuzulassen.
Durch äußere Umstände war der Fernhandel dann aber in eine Krise gekommen. Zudem war der Landesherr, der Herzog von Jülich, 1609 kinderlos verstorben. Um sein reiches Erbe stritten nun seine Neffen, die jedoch protestantisch waren. Zwei Adlige – der Kurfürst von Brandenburg und der Graf von Pfalz-Neuburg – setzten sich als possedierende Fürsten gemeinsam in den Besitz der Länder ihres verstorbenen Onkels. Zeitgleich setzte eine Ansiedlung von Protestanten in Münstereifel ein, die von den beiden Possedierenden gefördert wurde. Da wegen der Zünfte jedoch auch die Wirtschaft Münstereifels durch die katholische Religion geprägt war, die Wollweber jedoch in Absatzschwierigkeiten steckten und die Protestanten zudem in erster Linie als Wirtschaftskonkurrenten und dann erst als Religionskonkurrenten wahrgenommen wurden, kam es zu erheblichen Spannungen, die sich mitunter gewaltsam entluden. Als dann aber der Pfalz-Neuburger eine Wittelsbacher Prinzessin heiratete und somit der Schwager des Herzogs von Bayern und des Erzbischofs von Köln wurde, trat er zum katholischen Glauben über.
In Münstereifel nutzte man diese Gelegenheit sofort und vertrieb die Protestanten aus der Stadt. Gezielt baute nun der Rat der Stadt Münstereifel zu einer Festung des Katholizismus um. Nachdem man bereits 1619 den eher volkstümlichen Reformorden der Kapuziner nach Münstereifel geholt hatte, kämpfte der Rat nun um eine Niederlassung des führenden Reformordens, der Jesuiten.
Dabei galt es, einige Widerstände zu überwinden. Die Kapuziner fürchteten die Konkurrenz der übermächtigen Jesuiten. Das Stift St. Chrysanthus und Daria war gespalten. Einige Stiftsherren führten ein eher legeres Dasein, lebten zum Teil mit ihren Haushälterinnen im Konkubinat und waren wenig begeistert von dem Gedanken, nun jesuitische Beichtväter zu bekommen. Innerhalb des Jesuitenordens selbst gab es auch Bedenken. Warum sollte man Kräfte in die nahe Eifel schicken, wo der Orden doch in Indien, China und Japan missionierte? Daraufhin schrieb der Stiftsherr Hermann Gebour, der die Ansiedlung der Jesuiten in Münstereifel befürwortete, an deren Ordensprovinzial, es sei kein geringeres Verdienst vor Gott, in der Eifel zu missionieren, als in den weit entfernten Heidenländern.
Aber den Rat der Stadt Münstereifel verlangte nach mehr, als nur einer Residenz der Jesuiten. Er wollte ein damit verbundenes Gymnasium!
In der Stadt gab es bereits die Stiftsschule, in der die jungen Geistlichen ausgebildet wurden. Margarethe Lynnerie hatte eine Mädchenschule gestiftet und es existierte eine Armenschule. Aber ein Gymnasium gab es in der gesamten Eifel nicht.
Mit Schülern aus Münstereifel allein aber hätte das Gymnasium nie existieren können. Man brauchte dringend auswärtige Schüler. Was lag also näher, als die geplante Schuleröffnung landauf landab publik zu machen? Dazu bediente man sich des damals fortschrittlichsten Mediums: Des Drucks!
Ein aufwändig gestaltetes Flugblatt informierte darüber, dass mit gnedigster Bewilligung deß Durchleuchtigsten Fürsten – gemeint ist der Herzog von Jülich, Wolfgang Wilhelm, Pfalzgraf bei Rhein – durch einen Ersamen Raht alhie zu MünsterEyffel Gymnasium Sancti Michaelis und Schul angestelt soll werden. Der selbstbewusste Rat machte also deutlich, wer die Initiative für die Gründung des Gymnasiums gegeben hatte – auch wenn die Schule unter direction und institution der Herrn Patrum Societatis Iesu stehen sollte.
Dass hinter dem Ansinnen und dem Engagement des ehrsamen Rates knallharte wirtschaftliche Interessen standen, wird durch den Zusatz deutlich, daß dabey alle Sambstag der frey Wochentlicher Marckt gehalten soll werden.
Die Schüler, um die man warb, sollten sich in Münstereifel einmieten, denn sie kamen überwiegend von auswärts. Für die Bürgerschaft, deren wichtigste Einnahmequelle wenige Jahre zuvor noch die Messen genannten vier Fernhandelsmärkte waren, wurde nun das Studenten halten eine neue Einnahmequelle. Am 1. November 1625 nahm das St.-Michael-Gymnasium seinen Schulbetrieb auf. Den ersten Unterricht erteilte man im Rathaus, das immer schon eine Stätte höherer Bildung war.
Ungeachtet der Höhen und Tiefen, die das St.-Michael-Gymnasium seit seinem Start im Jahr 1625 durchlebte, hatte der ersame Raht den Grundstein für eine nunmehr fast 400 Jahre währende Erfolgsgeschichte gelegt.